Hörweite

Komposition für Klavier, Querflöte, Schlagwerk und Live-Elektronik
Uraufführung: 1. November 2026, Funkloch Zürich

«Hörweite» ist eine rund 45-minütige offene Komposition für Klavier, Querflöte, Schlagwerk und Live-Elektronik, die den Konzertraum in ein Netzwerk verteilter Klangquellen verwandelt. Das gesamte Klangmaterial stammt aus der Aufführung selbst: den Instrumenten und einer Noisebox aus gespannten Federn und Metallplatten. Dieses Material wird in seinen Morphologien, Texturen und Resonanzen erschlossen — als Klänge mit eigener Gestalt und eigenem Verlauf, zwischen Ton und Geräusch. Die Live-Elektronik nimmt es während der Aufführung auf, zerlegt es granular und gibt es über zwei Lautsprecherebenen in den Raum zurück: die PA für den öffentlichen Raum, die Smartphones der Anwesenden für die intime Nahzone.

Die Komposition ist nicht durchnotiert, sondern als modularer Materialkatalog mit komponiertem dramaturgischem Ablauf angelegt. Die Musiker:innen erhalten notiertes Material aus Klangfeldern, erweiterten Spieltechniken und Reaktionsregeln — in Text und grafischer Notation —, aber innerhalb jedes Abschnitts einen definierten Freiraum. Das Publikum greift über eine Webapplikation in das Klanggeschehen ein: Es steuert keine Effekte, sondern besetzt eine eigene Stimme in der Partitur — die vierte, unbestimmte Instrumentalgruppe, deren Besetzung erst am Konzertabend feststeht. In fünf Abschnitten vom Einmessen über die Sammlung und Streuung bis zur Rücknahme bleibt die Grenze zwischen akustischer und elektronischer Quelle bewusst unscharf; am Ende kehrt das Stück zu den drei Instrumenten allein zurück. Jede Aufführung ergibt dieselbe Form, aber eine andere Realisierung.

Die Aufführung ist zugleich Sendung — das Konzert wird für Stream und Aufzeichnung in Echtzeit kodiert; dieses ausgehende Signal wird im Studio wieder empfangen und in die Live-Elektronik eingespeist. Damit durchläuft das Material eine zweite Schleife: Es verlässt den Raum, geht durch Kodierung, Netz und Dekodierung und kommt verändert und um Sekunden verspätet zurück — komprimiert, geglättet, mit den Artefakten der Übertragung. Was das Medium mit einem Klang macht, wird so im Raum hörbar; die Verzögerung ist kein Fehler, sondern wird musikalisch wiederverwertet. Die Ausstrahlung auf Radio LoRa folgt am selben Abend und kann nicht zurückwirken — sie hört nur. So entstehen drei Verhältnisse zur Aufführung: der Saal, der unmittelbar hört und eingreift; der Stream, der gleichzeitig überträgt und zurückwirkt; das Radio, das hört, wenn das Ereignis vorbei ist. Damit ist der Stream nicht Endpunkt der Übertragung, sondern eine Station im Kreislauf des Materials.

Das Werk baut auf der Forschungsreihe «Responsive Space» (respace.ch) auf, die seit 2019 die Liveness verteilter Klangräume untersucht. Neu ist hier der Schritt zum Werk für ein klassisch besetztes Kammerensemble: Wie verbinden sich notiertes Instrumentalmaterial und ein offenes, partizipatives System zu einer tragfähigen musikalischen Form?

Besetzung: Klavier, Querflöte, Schlagwerk, Live-Elektronik
Framework: soundworks (IRCAM) · Little Modular · Cloudspeakers
Forschungsreihe: Responsive Space