Hybrid Studios

Ein Stück entsteht bei mir selten an einem einzigen Ort. Eine Idee beginnt am modularen System, findet auf Band ihre Verdichtung, wird im Aufnahmestudio festgehalten und kommt schliesslich vor Publikum — manchmal im selben Raum, manchmal gleichzeitig im Netz. Die **Hybrid Studios** sind die Räume, in denen
dieser Weg stattfindet: zwei Studios in Zürich und ein Konzertraum bei den O-Tone Studios im Kreis 6.

Was «hybrid» heisst

Vier Verbindungen ziehen sich durch alle meine Arbeiten — und die Studios sind so gebaut, dass sie nicht umgangen werden müssen, sondern genutzt werden können.

*Analog und digital. Bandmaschinen, Pulte, Modularsysteme und Wandler sind keine Gegensätze, sondern Arbeitsschritte. Eine Spur kann auf Band ihre Verdichtung finden und danach digital weiterverarbeitet werden — oder umgekehrt.

Klang und Bild. Aufnahme, Schnitt, Projektion und Livestream gehören zusammen. Wer ein audiovisuelles Stück baut, muss entscheiden können, wo das Bild dem Klang folgt und wo es ihn führt.

Studio und Bühne. Die Systeme, die ich auf der Bühne spiele, entstehen hier und werden hier geprüft. Was im Studio nicht verlässlich läuft, geht nicht auf die Bühne.

Raum und Netz. Ein Konzert hat heute oft zwei Publikumsräume: den Saal und den Stream. Dazu kommen Stücke, deren Klang sich über viele kleine Lautsprecher, Rechner und Mobiltelefone verteilt. Auch das wird in den Studios entwickelt.

Zwei Studios, vier Arbeitsplätze

Studio 1 ist das Aufnahmestudio. An Platz 1A läuft eine Signalkette für Stimme, Instrumente und Synthesizer: RME- und Ferrofish-Wandler, ausgesuchte Vorverstärker, ein Mackie-Onyx-Pult und eine 1-Zoll-Bandmaschine (Tascam MS16). Hier entstehen Aufnahmen, Mischungen und Master. Platz 1B ist ein eigenständiger zweiter Arbeitsplatz um ein Yamaha 01V96i — für Vorproduktion, Proben und Arbeiten, die parallel laufen sollen.

Studio 2 ist der Ort fürs Erfinden: Synthese, Eurorack, Klangdesign. Um ein Yamaha-DM2000-Pult sind ein modulares System, ein bewusst gemischter Bestand an Synthesizern und Drum Machines und eine 24-Spur-Bandmaschine (Tascam MSR24S) verbunden. Ein Medienrack mit historischen Tonbandgeräten — Revox, Nagra, Teac — erlaubt es, Klänge durch die Eigenheiten älterer Technik zu schicken.

Ein Weg durch die Studios

Ein typischer Verlauf: In Studio 2 entsteht am Modularsystem ein Klangmaterial, wird auf die 24-Spur-Maschine gespielt und dort mit anderen Schichten verdichtet. In Studio 1 kommen Stimme oder Instrumente dazu, die Mischung entsteht zwischen Band und Rechner. Parallel wächst das Aufführungssystem: Patches, Controller-Belegungen, Projektionen, Netzwerk. Bei den O-Tone Studios wird das Ganze zum ersten Mal vor Publikum gespielt — und was dort nicht trägt, geht zurück ins Studio.

Was hier entsteht

Neben Kompositionen und Aufnahmen entstehen in den Studios die Systeme, die später auf der Bühne stehen:

– Visual Node — audio-reaktive Projektionen auf einem Raspberry Pi, ohne Laptop auf der Bühne
– Little Modular — ein portables Eurorack-Instrument, das Klang erzeugt, verarbeitet und über Netze verteilt
– Hörweite und Responsive Space — verteilter Klang im Raum, gespielt über Lautsprecher-Netzwerke und die Mobiltelefone des Publikums
– Selbstgebaute Klangobjekte — Federn, Kontaktmikrofone, präparierte Gegenstände, die als Instrumente in Stücke und Improvisationen eingehen

Bühne: O-Tone Studios

Zu den Hybrid Studios gehört ein Konzertraum: das Atelier der **O-Tone Studios** an der Gallusstrasse 4 im Zürcher Kreis 6. Ein Raum von rund 85 m² mit Fichtenboden, Oberlicht, guter Akustik und einem Bechstein-Flügel, für Konzerte mit Platz für etwa 40 Gäste. Soundanlage, Kameras und Leinwände werden je nach Stück eingerichtet.

Hier habe ich zusammen mit Karen Geyer und Yoko Sawa die Konzertreihe «Aug und Ohr» gegründet:
Musik zum Zuhören und Zusehen, zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik, audiovisueller Performance und Improvisation. Von Beginn an — im Januar 2021, mitten in der Pandemie — wurden die Konzerte auch live gestreamt, und die Bildregie des Streams war Teil des künstlerischen Konzepts, nicht blosse Dokumentation. Seither haben im Raum u. a. John Cages «Sonatas and Interludes» mit Projektion,
Responsive Space, Listen to Colours, Piezo-Abende und Konzerte der Reihe pARTicipate für Audioperformance und Improvisation stattgefunden.

Für mich ist O-Tone der Ort, an dem sich zeigt, ob ein Stück funktioniert: klein genug, um zu experimentieren, gross genug, um es ernst zu meinen.